Wer durch TikTok scrollt, merkt schnell: Die Inhalte wirken oft erstaunlich passend. Ein Video reiht sich ans nächste, vieles scheint genau den eigenen Interessen zu entsprechen. Gleichzeitig bleibt meist unklar, warum genau diese Inhalte auftauchen und wie viel Einfluss man selbst darauf hat. Die vorliegende Studie „Zwischen Wertschätzung und Widerstand: Algorithmische Kompetenz junger Menschen am Beispiel der Kurzvideoplattform TikTok“ des Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut (HBI) geht genau dieser Frage nach. Im Mittelpunkt steht, wie junge Menschen zwischen 16 und 24 Jahren algorithmische Empfehlungssysteme wahrnehmen, nutzen und einordnen.
Ein zentrales Ergebnis: Ein grundlegendes Bewusstsein für Algorithmen ist vorhanden. Viele wissen, dass ihr Verhalten, etwa Likes, Suchanfragen oder die Sehdauer, Einfluss darauf hat, welche Inhalte angezeigt werden. Dieses Wissen entsteht jedoch meist aus eigener Nutzungserfahrung heraus und weniger aus einem tieferen Verständnis darüber, wie Daten tatsächlich verarbeitet werden.
Zwischen Nutzung und Einfluss
Die Studie zeigt, dass Interaktionen wie Liken, Teilen oder Suchen für viele selbstverständlich zur Nutzung gehören und gleichzeitig als Einflussfaktoren wahrgenommen werden. Dennoch passiert ein großer Teil dieser Interaktionen eher beiläufig. Entscheidungen werden getroffen, ohne bewusst darüber nachzudenken, wie sie den eigenen Feed verändern.
Gleichzeitig erleben viele Nutzer:innen ihre Einflussmöglichkeiten als begrenzt. Zwar gibt es einzelne Strategien, um Inhalte zu steuern, etwa durch gezieltes Suchen oder das Markieren von „nicht interessiert“. Insgesamt bleibt jedoch das Gefühl bestehen, dass der Algorithmus die entscheidende Rolle spielt und sich nicht vollständig kontrollieren lässt.
Wertschätzung und Widerstand
Auffällig ist die ambivalente Haltung gegenüber dem Algorithmus. Einerseits wird er als positiv wahrgenommen: Inhalte passen zu den eigenen Interessen, wirken unterhaltsam und inspirierend. Der Algorithmus wird teilweise sogar als eine Art persönlicher Begleiter beschrieben. Andererseits entstehen auch kritische Gefühle. Dazu gehören Frustration über unpassende Inhalte, ein Gefühl von Kontrollverlust oder auch Unbehagen über die eigene Nutzungsdauer. Diese Spannungen führen teilweise zu Gegenstrategien, etwa bewussterem Scrollen oder dem Versuch, die Nutzung zu regulieren.
Zwischen Unterhaltung und Information
Ein weiterer Aspekt betrifft die Rolle von TikTok für Information und Meinungsbildung. Politische Inhalte werden meist nicht aktiv gesucht, sondern eher nebenbei wahrgenommen. Viele empfinden es als praktisch, über den Feed auf dem Laufenden zu bleiben, gleichzeitig besteht aber eine gewisse Skepsis gegenüber der Plattform als Informationsquelle.
Damit wird deutlich, dass algorithmisch gesteuerte Plattformen nicht nur Inhalte sortieren, sondern auch beeinflussen, wie Informationen wahrgenommen und eingeordnet werden. Für die Medienbildung bedeutet das, stärker zu thematisieren, wie diese Systeme funktionieren und wo ihre Grenzen liegen.
Titel
Zwischen Wertschätzung und Widerstand: Algorithmische Kompetenz junger Menschen am Beispiel der Kurzvideoplattform TikTok. Arbeitspapiere des Hans-Bredow-Instituts | Projektergebnisse Nr. 79
quelle (Erscheinungsjahr)
Alatassi, Leonie; Hölig, Sascha; Kessling, Philipp, Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut (HBI) (2025)
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