Zwischen Wertschätzung und Widerstand

Zwischen Wertschätzung und Widerstand

Zwischen Wertschätzung und Widerstand. Algorithmische Kompetenz junger Menschen am Beispiel der Kurzvideoplattform TikTokViele Jugendliche beschreiben TikTok als eine Plattform, die scheinbar mühelos genau die Inhalte ausspielt, die zur eigenen Stimmung, zu Interessen oder zum Alltag passen. Der endlose Feed wirkt persönlich, unterhaltsam und vertraut. Gleichzeitig bleibt oft unklar, wie diese Auswahl eigentlich zustande kommt. Die vorliegende Studie „Zwischen Wertschätzung und Widerstand“ des Leibniz-Instituts für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut (HBI) nimmt genau diese Alltagserfahrung junger Menschen ernst und fragt danach, wie sie algorithmische Empfehlungssysteme wahrnehmen, deuten und mit ihnen umgehen.

Der Fokus liegt auf der sogenannten algorithmischen Kompetenz, also das Wissen, die Einstellungen und Handlungsweisen, die Jugendliche und junge Erwachsene im Umgang mit algorithmisch gesteuerten Plattformen entwickeln. Anhand qualitativer Interviews und Gruppendiskussionen zeigt die Studie, dass viele junge Menschen ein ausgeprägtes Bewusstsein dafür haben, dass Algorithmen ihre Inhalte steuern, dieses Wissen bleibt jedoch häufig intuitiv und erfahrungsbasiert.

Zwischen Vertrauen und begrenzter Kontrolle

Die Ergebnisse machen deutlich, dass viele Jugendliche den TikTok-Algorithmus zunächst positiv bewerten. Er wird als hilfreich erlebt, weil er relevante Inhalte filtert, Inspiration bietet und Unterhaltung passgenau bereitstellt. Dieses Gefühl der Wertschätzung geht jedoch oft mit einer begrenzten Vorstellung davon einher, wie stark eigene Daten, Interaktionen und Nutzungsgewohnheiten tatsächlich ausgewertet werden. Likes, Kommentare oder die Dauer des Anschauens werden zwar als Einflussfaktoren erkannt, tiefergehende Aspekte wie Datensammlung oder plattformübergreifende Verknüpfungen bleiben dennoch meist diffus.

Gleichzeitig zeigen sich auch Momente des Widerstands. Unpassende Inhalte, das Gefühl von Kontrollverlust oder eine als zu stark empfundene Steuerung durch den Feed lösen bei einigen Jugendlichen Unbehagen aus. In solchen Situationen entwickeln sie Strategien, um Einfluss zu nehmen, etwa durch bewusstes Weiterscrollen, das Nutzen von „Nicht interessiert“-Funktionen oder zeitweises Löschen der App. Diese Praktiken zeigen, dass algorithmische Kompetenz nicht nur aus Wissen besteht, sondern auch aus emotionalen Reaktionen und alltäglichen Handlungsroutinen.

Bedeutung für Medienbildung und politische Information

Besonders relevant ist der Blick der Studie auf TikTok als Informationsraum. Politische Inhalte werden häufig passiv wahrgenommen, ohne gezielte Suche oder bewusste Auswahl. Viele Jugendliche empfinden es als praktisch, „nebenbei“ über aktuelle Themen informiert zu werden, begegnen der Plattform als Nachrichtenquelle jedoch auch mit Skepsis. TikTok bleibt für sie vor allem ein Unterhaltungsraum, politische Inhalte stehen oft im Spannungsfeld zwischen Interesse und Misstrauen.

Für die Medienbildung bedeutet das, algorithmische Systeme stärker zum Thema zu machen. Nicht nur technische Funktionsweisen, sondern auch emotionale Erfahrungen, Wahrnehmungen von Kontrolle und Strategien im Umgang mit Feeds sollten aufgegriffen werden. Die Studie zeigt, dass Jugendliche keineswegs passiv ausgeliefert sind, sondern eigene Deutungen und Praktiken entwickeln, diese jedoch auch Begleitung und Reflexionsräume benötigen.

Titel

Zwischen Wertschätzung und Widerstand. Algorithmische Kompetenz junger Menschen am Beispiel der Kurzvideoplattform TikTok

quelle (Erscheinungsjahr)

Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut (HBI) (2025)

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