Einen „guten Algorithmus“ müsse man sich erst einmal „züchten“, sagt eine 17-jährige Teilnehmerin der JIMplus-Studie 2026. Der Satz zeigt, wie selbstverständlich Jugendliche über Plattformlogiken, Feeds und ihre eigene Mediennutzung nachdenken. Genau diese Perspektive steht im Mittelpunkt der vorliegenden Sonderstudie „JIMplus 2026. Digitales Wohlbefinden von Jugendlichen in Deutschland“ des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest (mpfs). Sie fragt nicht nur, welche Angebote Jugendliche nutzen, sondern vor allem danach, was ihnen im digitalen Alltag guttut, was sie beschäftigt und wie sie selbst mit belastenden Erfahrungen umgehen.
Für die Studie wurden qualitative und quantitative Methoden miteinander verbunden. Zunächst dokumentierten 33 Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren ihren digitalen Alltag in einem Online-Tagebuch. Anschließend fanden mit 20 von ihnen vertiefende Einzelinterviews statt. Auf dieser Grundlage entstand der Fragebogen für eine repräsentative Online-Befragung von 800 Jugendlichen. Die Ergebnisse geben damit nicht nur Auskunft über Nutzungszeiten und bevorzugte Plattformen, sondern greifen auch die persönlichen Einschätzungen und Erfahrungen der Befragten auf.
Inmitten von Verbundenheit und Überforderung
Die Ergebnisse zeigen, dass Jugendliche Social Media widersprüchlich erleben. Plattformen ermöglichen Unterhaltung, Austausch und Wissenserwerb. Gleichzeitig berichten die Befragten von Überlastung, Einsamkeit und negativen Vergleichen mit anderen. Besonders deutlich wird diese Ambivalenz bei TikTok. So bewerten 39 Prozent der regelmäßigen Nutzer:innen die Plattform eher negativ. Trotzdem gehört sie zu den Angeboten, die Jugendliche besonders vermissen würden. Bei den befragten Mädchen liegt TikTok dabei sogar auf dem ersten Platz.
Auch die Folgen der Nutzung bleiben nicht unbemerkt. Zu den am häufigsten genannten negativen Auswirkungen gehören Konzentrationsprobleme, ein schlechtes Gewissen und gereizte Augen. Lediglich 15 Prozent der Befragten geben an, keine der abgefragten Auswirkungen zu kennen. Mehr als die Hälfte der Mädchen und 42 Prozent der Jungen beneiden zudem Generationen, die ohne Social Media aufgewachsen sind. Gleichzeitig fühlen sich Jugendliche besonders wohl, wenn sie Zeit mit Freund:innen oder der Familie verbringen, Sport treiben oder Musik hören. Die Studie macht damit deutlich, dass eine häufig ausgeübte Aktivität nicht automatisch zum persönlichen Wohlbefinden beiträgt.
Problematische Inhalte und Altersgrenzen
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf problematischen Erfahrungen im Netz. 71 Prozent der Jugendlichen sind bereits mit Fake News in Kontakt gekommen. Es folgen extreme politische oder religiöse Inhalte sowie Hate Speech. Als besonders belastend werden unter anderem ungewollte Nacktbilder, Mobbing, drastische Gewaltinhalte und Beiträge bewertet, die Essstörungen oder selbstverletzendes Verhalten verharmlosen. Meist reagieren Jugendliche darauf, indem sie weiterscrollen. Mehr als ein Drittel gibt an, sich bereits an solche Inhalte gewöhnt zu haben. Nur etwa ein Viertel meldet problematische Beiträge bei den Plattformbetreiber:innen.
Auch mögliche Altersgrenzen werden differenziert betrachtet. 43 Prozent sprechen sich für ein Social-Media-Verbot bis zu einem bestimmten Alter aus. Mehr als die Hälfte hält Verbote jedoch für leicht umgehbar. Gleichzeitig empfehlen viele Jugendliche für Instagram, TikTok und Snapchat ein höheres Einstiegsalter, als sie es selbst bei ihrer ersten Nutzung hatten. Nur neun Prozent haben den Eindruck, dass die Perspektive Jugendlicher in der öffentlichen Verbotsdebatte ausreichend berücksichtigt wird.
Keine eindeutigen Ursache-Wirkungs-Beziehungen
Die JIMplus-Studie verbindet diese Ergebnisse abschließend mit dem allgemeinen Wohlbefinden. Niedrigere Werte zeigen sich unter anderem bei Jugendlichen, die problematische Online-Erfahrungen gemacht haben oder wenig Unterstützung bei der Verarbeitung ihres digitalen Alltags erhalten. Die Studie weist dabei ausdrücklich darauf hin, dass daraus keine eindeutigen Ursache-Wirkungs-Beziehungen abgeleitet werden können. Sie liefert jedoch wichtige Hinweise darauf, dass digitales Wohlbefinden nicht allein von der Bildschirmzeit abhängt. Entscheidend sind ebenso die erlebten Inhalte, das soziale Umfeld und die Möglichkeiten, über belastende Erfahrungen zu sprechen.
Titel
JIMplus 2026. Digitales Wohlbefinden von Jugendlichen in Deutschland
quelle (Erscheinungsjahr)
Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (mpfs) (2026)
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