Soziale Medien, Messenger oder Online-Games sind für Kinder und Jugendliche selbstverständliche Orte für Austausch, Unterhaltung und soziale Beziehungen. Gleichzeitig können User:innen genau diese digitalen Räume nutzen, um Grenzen zu überschreiten, Vertrauen auszunutzen oder sexualisierte Gewalt anzubahnen. Wie solche Erfahrungen aus Sicht betroffener Kinder und Jugendlicher aussehen, hat das UNICEF Office of Strategy and Evidence – Innocenti im vorliegenden Bericht „Through Children’s Eyes. How digital technologies enable child sexual abuse“ untersucht und zusammengefasst. Im Mittelpunkt steht dabei nicht nur die Frage, welchen Formen sexualisierter Gewalt junge Menschen im digitalen Raum begegnen, sondern auch, welche Rolle Plattformen, soziale Beziehungen und bestehende Hilfsangebote dabei spielen.
Grundlage des Berichts sind Daten aus dem internationalen Forschungsprojekt „Disrupting Harm“. Dafür wurden rund 21.000 internetnutzende Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren aus 21 Ländern befragt. Ergänzt werden die Ergebnisse durch Interviews mit mehr als 100 jungen Menschen, die selbst technologiegestützte sexualisierte Gewalt oder Ausbeutung erfahren haben. Die Publikation verbindet damit statistische Daten mit den persönlichen Erfahrungen Betroffener und behandelt unterschiedliche Formen digital unterstützter sexualisierter Gewalt. Dazu gehören etwa unerwünschte sexualisierte Inhalte, Aufforderungen zum Versenden intimer Bilder, sexuelle Erpressung sowie die nicht einvernehmliche Weitergabe oder KI-gestützte Manipulation entsprechender Aufnahmen.
Vertrauen, Plattformdesigns und fehlender Unterstützung
Ein Schwerpunkt der Untersuchung liegt auf den Bedingungen, unter denen Übergriffe stattfinden. Dabei zeigt der Bericht, dass die Täter:innen keineswegs immer unbekannte Personen aus dem Internet sind. In mehr als der Hälfte der untersuchten Fälle kannten die betroffenen Kinder die Person bereits. Neben Erwachsenen werden deshalb auch Freundschaften, Partnerschaften und Kontakte innerhalb der Peer-Group berücksichtigt. Gleichzeitig richtet die Publikation den Blick auch auf die Gestaltung digitaler Plattformen. So können Täter:innen beispielsweise Funktionen wie private Nachrichten, Fake-Profile, das Teilen von Inhalten oder erneute Kontaktmöglichkeiten nach einer Blockierung für Übergriffe nutzen.
Auch der Umgang mit erlebter sexualisierter Gewalt thematisiert die Untersuchung. Viele Betroffene wenden sich nicht an Erwachsene oder professionelle Hilfsangebote. Mehr als vier von zehn der erfassten Fälle wurden niemandem mitgeteilt; weniger als ein Prozent wurde bei Polizei, Sozialarbeit oder einer Helpline gemeldet. Als Gründe werden unter anderem fehlendes Wissen über Anlaufstellen, Scham und die Sorge vor negativen Reaktionen genannt. Teilweise befürchteten Kinder zudem, nach einer Offenlegung den Zugang zu ihren Geräten oder digitalen Angeboten zu verlieren.
Impulse für Prävention und Medienpädagogik
Aus den Ergebnissen leitet der Bericht Empfehlungen für unterschiedliche gesellschaftliche Akteur:innen ab. Gefordert werden unter anderem sichere Plattformgestaltung, erreichbare und kindgerechte Meldemöglichkeiten, eine bessere Qualifizierung von Fachkräften sowie rechtliche Rahmenbedingungen, die aktuelle Formen technologiegestützter sexualisierter Gewalt berücksichtigen. Prävention wird damit nicht allein als Aufgabe von Kindern und Jugendlichen verstanden, sondern als gemeinsame Verantwortung von Plattformbetreibern, Politik, Bildungseinrichtungen, Familien und Unterstützungssystemen.
Eine Zusammenfassung der Studie steht zusätzlich in arabischer, französischer und spanischer Sprache zur Verfügung.
Die Publikation steht unter der Lizenz CC BY 4.0 (Creative Commons Namensnennung 4.0 International) und kann unter den entsprechenden Lizenzbedingungen weiterverwendet und bearbeitet werden.
Titel
Through Children’s Eyes. How digital technologies enable child sexual abuse
quelle (Erscheinungsjahr)
UNICEF Office of Strategy and Evidence – Innocenti (2026)
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