Fotos und Videos von Kindern gehören für viele Eltern inzwischen selbstverständlich zur eigenen Mediennutzung dazu. Sie werden in Familienchats geteilt, auf privaten Profilen veröffentlicht oder als Erinnerungen gespeichert. Anders verhält es sich jedoch, wenn Kinder regelmäßig auf öffentlich zugänglichen und kommerziell ausgerichteten Social-Media-Profilen erscheinen. Denn in diesem Fall werden private Einblicke in das Familienleben nicht nur mit anderen geteilt, sondern können auch Teil eines Geschäftsmodells werden. Genau hier setzt die vorliegende Studie „Darstellung von Babys und Kleinkindern in monetarisierten Social-Media-Profilen“ des Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut (HBI) an. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Babys und Kleinkinder im Alter von 0 bis 5 Jahren auf deutschsprachigen Familienprofilen bei Instagram, TikTok und YouTube dargestellt werden und welche rechtlichen sowie medienethischen Herausforderungen sich daraus ergeben.
Familienalltag zwischen Öffentlichkeit und wirtschaftlichem Interesse
Die Studie zeigt zunächst, dass sich familienbezogene Inhalte in den sozialen Medien in den letzten Jahren stark professionalisiert haben. Während früher vor allem private Elternblogs oder persönliche Erfahrungsberichte im Vordergrund standen, sind viele Familienprofile heute Teil eines kommerziellen Umfelds. Eltern berichten dort über Erziehung, Alltag, Schwangerschaft, Produkte, Routinen oder Herausforderungen des Familienlebens. Gleichzeitig können Einnahmen durch Werbung, Produktempfehlungen, Kooperationen, Verlinkungen oder Vergütungen der Plattformen entstehen.
Dabei nehmen Kinder eine besondere Rolle ein. Sie erscheinen nicht nur zufällig im Hintergrund, sondern können auch aktiv in die Darstellung des Familienalltags eingebunden werden. In manchen Fällen werden sie zu einem zentralen Bestandteil des Profils, weil sie Nähe, Authentizität und Identifikation herstellen. Gerade diese Wirkung ist aus Sicht der Studie problematisch, weil Kinder dadurch Teil einer öffentlichen und wirtschaftlich verwertbaren Darstellung werden, ohne die Tragweite dieser Öffentlichkeit selbst einschätzen oder ihr zustimmen zu können.
Untersuchungsdesign und Gegenstand
Für die Untersuchung wurden insgesamt 359 deutschsprachige Profile von 201 Familien-Influencer:innen auf Instagram, TikTok und YouTube analysiert. Berücksichtigt wurden mehr als 10.000 Beiträge mit insgesamt über 156.000 Einzelszenen. Untersucht wurde unter anderem, wie häufig Kinder gezeigt werden, ob sie erkennbar sind, in welchen Situationen sie vorkommen und wie stark die Beiträge kommerziell geprägt sind.
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Kinder in diesen Profilen häufig präsent sind. In 44 Prozent der untersuchten Beiträge kommen Kinder vor. Zwar stehen sie nicht immer dauerhaft im Mittelpunkt, dennoch sind sie oft Teil der Erzählung und damit auch Teil der Wirkung des Profils. Besonders relevant ist dabei, dass Kinder im Alter von 0 bis 2 Jahren überrepräsentiert sind. Gerade diese Altersgruppe kann weder verstehen, was eine Veröffentlichung im Internet bedeutet, noch selbst entscheiden, ob sie sichtbar sein möchte.
Erkennbarkeit als zentrales Risiko
Ein wichtiger Aspekt der Studie ist die Frage, ob Kinder in den Beiträgen identifizierbar sind. Viele Profilinhaber:innen versuchen zwar, ihre Kinder durch bestimmte Maßnahmen zu schützen. Dazu gehören beispielsweise Kameraperspektiven, Verpixelungen, Überdeckungen oder Aufnahmen, bei denen das Gesicht nicht direkt gezeigt wird. Dennoch zeigt die Studie, dass Kinder in einem Teil der untersuchten Beiträge weiterhin erkennbar bleiben. Das kann nicht nur über das Gesicht geschehen, sondern auch über Namen, Stimmen, Geschwister, Wohnräume, wiederkehrende Situationen oder andere persönliche Informationen.
Damit wird deutlich, dass Schutzmaßnahmen zwar wichtig sind, aber nicht immer ausreichen. Denn wenn Kinder regelmäßig in einem öffentlichen Profil vorkommen, entstehen digitale Spuren, die sich später kaum zurückholen lassen. Bilder und Videos können gespeichert, geteilt, verändert oder in andere Zusammenhänge gestellt werden. Aus einzelnen Veröffentlichungen kann so nach und nach ein öffentliches Bild eines Kindes entstehen, das dieses später weder kontrollieren kann noch selbst gestaltet hat.
Zwischen elterlicher Fürsorge und kommerziellem Nutzen
Besonders deutlich wird in der Studie der Interessenkonflikt, in dem Eltern stehen können. Einerseits sind sie für den Schutz ihrer Kinder verantwortlich. Andererseits können sie auf monetarisierten Profilen wirtschaftlich von der Darstellung ihrer Kinder profitieren. Dadurch entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen elterlicher Fürsorge und kommerziellem Interesse.
Dabei geht es nicht nur um besonders problematische Einzelfälle. Schon die regelmäßige Darstellung von Kindern kann kritisch sein, wenn sie zur Reichweite, zur Bindung der Follower:innen oder zur Glaubwürdigkeit des Profils beiträgt. Kinder werden dann nicht nur als Familienmitglieder gezeigt, sondern erfüllen auch eine Funktion innerhalb eines öffentlichen Profils. Aus medienethischer Perspektive ist das deshalb problematisch, weil Kinder dadurch zu einem Mittel für Aufmerksamkeit und wirtschaftliche Zwecke werden können.
Rechtliche und ethische Fragen
Die Darstellung von Babys und Kleinkindern in monetarisierten Profilen berührt mehrere Schutzbereiche. Dazu gehören das Persönlichkeitsrecht, das Recht am eigenen Bild, Datenschutz, Privatsphäre und der Schutz vor wirtschaftlicher Ausbeutung. Besonders sensibel sind Situationen, in denen Kinder in privaten, emotionalen oder verletzlichen Momenten gezeigt werden. Dazu können Krankheit, Wut, Trauer, Scham, Verletzungen oder Situationen aus dem Bereich der Körperpflege gehören.
Die Studie macht deutlich, dass Kinder auch dann eigene Rechte haben, wenn sie noch sehr jung sind. Sie sind nicht nur Teil der Familie oder der elterlichen Erzählung, sondern eigenständige Personen mit einem Anspruch auf Schutz, Privatheit und eine möglichst offene Zukunft. Damit ist gemeint, dass Kinder später selbst entscheiden können sollen, wie sie öffentlich wahrgenommen werden möchten. Wird ihre Kindheit bereits früh und dauerhaft im Internet dokumentiert, kann diese spätere Selbstbestimmung eingeschränkt werden.
Verantwortung auf mehreren Ebenen
Die Verantwortung liegt der Studie nach nicht allein bei den Eltern. Auch Plattformen, Politik, Aufsichtsbehörden, Werbewirtschaft und Marken werden in den Blick genommen. Plattformen könnten beispielsweise bessere Schutzmechanismen anbieten und Eltern stärker über Risiken informieren. Werbepartner:innen könnten Kooperationen davon abhängig machen, dass Kinder nicht erkennbar, nicht in sensiblen Situationen und nicht als Werbeträger:innen eingesetzt werden. Auch Politik und Aufsicht können durch klarere Regeln und Beratungsangebote dazu beitragen, Kinder besser zu schützen.
Titel
Darstellung von Babys und Kleinkindern in monetarisierten Social-Media-Profilen
quelle (Erscheinungsjahr)
Dreyer, Stephan; Lampert, Claudia; Thiel, Kira; Altun, Aysu; Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut (HBI) (2026)
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